Wolfgang Hadamitzky


Japanbezogene Lehrmaterialien, Wörterbücher und Bibliografien



Man’yōgana


Definition

Als Man’yōgana 万葉仮名 bezeichnet man Kanji 漢字, die vom 6. bis Ende des 9. Jahrhunderts, teils auch darüber hinaus, unabhängig von ihrer Bedeutung wie fonetische Zeichen verwendet wurden.


Terminologie

Andere, wenn auch selten verwendete Bezeichnungen für Man’yōgana sind Magana 真仮名 (wahre/wirkliche Kana) und Otoko-gana 男仮名 (Männer-Kana).


Entstehung

Bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts verfügten die Japaner über kein eigenes Schriftsystem. Sie mussten daher japanspezifische Spracherscheinungen wie bestimmte grammatische Formen und Eigennamen mit den aus China importierten Schriftzeichen, den Kanji, wiedergeben. Dabei standen die Kanji nur für ihren Lautwert, d.h. die eigentliche Zeichenbedeutung blieb außer Acht.

So schrieb man das japanische Existenzialverb ari („sein“, „vorhanden sein“) mit dem Zeichen 蟻, welches zwar durchaus ari gelesen wird, aber eigentlich „Ameise“ bedeutet. Oder man benutzte das Zeichen für „Kranich“ 鶴 (tsuru) zur Wiedergabe der ebenfalls tsuru lautenden Attributivform (rentaikei) des Verbalsuffix tsu.

Belege für eine derartige Kanji-Verwendung finden sich in verschiedenen frühen Schriftzeugnissen wie den ältesten erhaltenen Geschichtswerken Kojiki (古事記, 712) und Nihon shoki (日本書紀, 720). Besonders zahlreich sind sie jedoch in der ältesten überkommenen Gedichtsammlung vertreten, dem Man’yōshū (万葉集, „Sammlung der zehntausend Blätter“, Abschluss um 750). Aus diesem Grunde prägte die Wissenschaft für Kanji, die unter Ausklammerung der Zeichenbedeutung wie die späteren Kana 仮名 ausschließlich lautwertig benutzt wurden, den Begriff Man’yōgana 万葉仮名, „Man’yō[shū]-Kana“. Mit der Entwicklung der rein fonetischen Kana-Silbenschriftzeichen aus den Kanji-Vollformen seit etwa 800 kamen die Man’yōgana allmählich außer Gebrauch.


Praxis

Der Umgang mit den Man’yōgana ist sehr kompliziert und es gibt Texte, die bis heute nicht vollständig entschlüsselt werden konnten. Worin bestehen die Probleme?

Die als Man’yōgana eingesetzten Kanji verloren natürlich nicht ihre eigentliche Bedeutung. Sie wurden nur je nach Bedarf einmal als vollwertiges Kanji, also bedeutungswertig (semantisch), ein andermal als Man’yōgana, also lautwertig (fonetisch) eingesetzt. Das oben bereits erwähnte 蟻 wurde also weiterhin sowohl in seiner Bedeutung „Ameise“ wie auch als Lautäquivalent für das Existenzialverb ari verwendet. Die Schwierigkeit bestand und besteht folglich darin herauszufinden, welche Funktion die einzelnen Zeichen in einem Text konkret übernehmen. Das ist in etlichen Fällen nicht mit letzter Schlüssigkeit festzustellen, obgleich es natürlich unerlässlich ist, um einen Text deuten und übersetzen zu können. Denn es macht einen Unterschied, ob man 蟻 – um bei unserem Beispiel zu bleiben – mit „Ameise“ oder mit „sein“ übersetzt. In manchen Fällen wurden die Man’yōgana zwar kenntlich gemacht, indem sie kleiner und/oder seitlich versetzt geschrieben wurden [Beispiel]. Aber sehr häufig sind sie typografisch nicht besonders gekennzeichnet. Derartige Texte sind oft schwierig zu entziffern und bieten teilweise Raum für vielfältige Interpretationen.

Hinzu kommt, dass selbst in kurzen Texten wie Gedichten u.ä. die Kanji teils für ihre On-, teils für ihre Kun-Lesungen stehen. Beim Entschlüsseln eines Textes muss man also nicht nur herausfinden, welche Zeichen als Man’yōgana fungieren, sondern auch, ob sie mit ihrer On- oder mit ihrer Kun-Lautung eingesetzt wurden, ob also z.B. das Zeichen 上 als oder shō (= On) oder als ue / kami usw. (= Kun) zu lesen ist. Damit im Zusammenhang steht eine weitere Schwierigkeit:

Es gab sowohl das Prinzip „1 Zeichen – 1 Silbe“ als auch das Prinzip „1 Zeichen – 2 Silben“. Die multifunktionale Postposition kamo (Trauer/Bedauern; Zweifel; rhetorische Frage; bewundernder Ausruf) findet man z.B. sowohl mit den zwei Zeichen 可聞 (On-Lesungen ka + mo) als auch mit dem einzelnen Zeichen 鴨 (Ente; Kun-Lesung kamo) geschrieben. Es stellt sich damit das Problem, dass die einzelnen Silben und Silbenfolgen in den verschiedenen Texten nicht mit einem bestimmten Kanji bzw. einer bestimmten Kanjikombination geschrieben wurden, sondern dass man sich als Leser mit einer großen Vielfalt an Möglichkeiten konfrontiert sieht. So begegnet man im Falle der Silbe mi den Schreibweisen 民, 彌, 美, 三, 水, 見, 視, 未, 味, 身 oder auch 実  – um nur einige Beispiele zu nennen. Die gleiche Aussage war also durchaus mit ganz unterschiedlichen Schriftzeichen darstellbar, sofern sie nur über die entsprechende Lautung verfügten.

Takashima Toshio [1] illustriert dieses Problem mit folgendem Vers aus Kojiki und Nihon shoki:

やくもたついづもやへがき

Ein Anwesen im wolkenwallenden Izumo

つまごみにやへがきつくる

errichtet für meine Gemahlin

そのやへがきを

jenes Anwesen

Besungen wird die Vermählung des Gottes Susanoo no mikoto mit der Prinzessin Kushinada hime und der Einzug des Paares in ihr neues Heim in Izumo. Inhalt und Lautung sind – bis auf zwei kleine Abweichungen – in Kojiki und Nihon shoki identisch. Aber da beide Werke vor Erfindung der Kana niedergeschrieben wurden, mussten die Texte mit Man’yōgana abgefasst werden, und dabei verwendete man für 21 der insgesamt 31 Silben unterschiedliche – aber eben gleichlautende – Schriftzeichen, so dass die Zeilen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben scheinen. Sie lesen sich im Kojiki (K) und im Nihon shoki (NS) wie folgt:

やくもたついづもやへがき

(K)

夜久毛多都伊豆毛夜弊賀岐

(NS)

夜句茂多莬伊弩毛夜霸餓岐

つまごみにやへがきつくる

(K)

都麻碁微爾夜弊賀岐都久流

(NS)

莬磨語昩爾夜霸餓岐莬倶瀘

そのやへがきを

(K)

曾能夜弊賀岐哀

(NS)

曾贈夜霸餓岐ゑ廻

Fundierte quellenkundliche und sprachhistorische Kenntnisse sind also erforderlich, um Zeichenfolgen als Man’yōgana zu erkennen (und damit z.B. 夜弊賀岐 lautwertig als やへがき [= umfriedetes Anwesen] zu deuten und nicht etwa von der Zeichenbedeutung her als „Gabelung 岐 des Glückwunsches 賀 zur nächtlichen 夜 Untugend 弊“) und ihnen durch die korrekte Zuordnung von On- oder Kun-Lautung den richtigen Sinn zu geben.


Literatur

1. Takashima Toshio: Kanji to nihonjin. Tōkyō: Bungei shunjū, 2001 (Bunshun shinsho ; 198), S. 80. zurück zum Text


Februar 2007, Astrid Brochlos / Wolfgang Hadamitzky





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